Nahaufnahme von industriellen Textilmaschinen mit bunten Garnspulen auf der Techtextil 2019 Frankfurt

Techtextil 2019 Trends: Smart Fabrics, Industrie 4.0 & die Zukunft der Textilien

25. Juni 2019

Techtextil 2019 — Frankfurt, 14.–17. Mai

Wo Textilien auf Technologie treffen

TL;DR — Fünf Trends von der Techtextil 2019, die die Textilindustrie verändern:

  • Smart Textiles — Stoffe, die fühlen, heizen, leuchten und kommunizieren
  • Nachhaltige Fasern — recycelte Materialien, biobasierte Garne und Kreislaufproduktion
  • Industrie 4.0 — digitale Zwillinge, automatisierte Weberei und KI-gestützte Qualitätskontrolle
  • Medizintextilien — implantierbare Gewebe, Wundauflagen und tragbare Gesundheitssensoren
  • Leichtbau-Composites — faserverstärkte Kunststoffe ersetzen Metall in Automotive und Luftfahrt

Technischer Fortschritt hat die Textilindustrie seit der Ersten Industriellen Revolution geprägt. Die Techtextil in Frankfurt ist die weltweit führende Fachmesse für technische Textilien und Vliesstoffe. Die Ausgabe 2019 zog über 47.000 Besucher aus 116 Ländern an und zählte 1.818 Aussteller (Quelle: Messe Frankfurt). Sie fand parallel zur Texprocess statt, der führenden Messe für Textilverarbeitung.

Wir haben die Techtextil 2019 besucht, um zu sehen, wie Industrie 4.0 den Textilsektor verändert. Die Erkenntnisse gehen weit über Mode hinaus. Technische Textilien stecken in Autos, Flugzeugen, Gebäuden, Medizinprodukten und Sportkleidung. Bei Entwurfreich verfolgen wir diese Trends branchenübergreifend — von der ISH in Frankfurt bis zum Salone del Mobile in Mailand. Daraus leiten wir Impulse für unsere Industriedesign-Arbeit ab. Dieser ZOOM-IN Trendreport fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Fünf zentrale Trends der Techtextil 2019

1. Was können Smart Textiles heute leisten?

Smart Textiles waren der Star der Techtextil 2019. Das sind Stoffe, die über ihre traditionelle Rolle hinausgehen. Sie erfassen Berührung, messen Temperatur, geben Licht ab, leiten Signale oder gewinnen Energie. Der globale Markt für Smart Textiles lag 2019 bei rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Bis 2025 soll er auf 5,5 Milliarden wachsen (Quelle: MarketsandMarkets).

Beispiele auf der Messe reichten von beheizten Autositzen mit Carbonfaser-Elementen bis zu LED-bestückten Stoffen für architektonische Beleuchtung. Sensoren, direkt in Garne eingewebt, erfassen Körperbewegungen oder Vitalzeichen. Keine zusätzliche Hardware nötig.

Für Produktdesigner eröffnet das neues Terrain. Ein Kleidungsstück wird zum Sensor. Ein Autositz zum Gesundheitsmonitor. Eine Fassade zum Display. Wir erkunden diesen Bereich in unserem Smart-Textile-Antennen-Projekt mit dem ITA der RWTH Aachen — einem unserer Interviewpartner in diesem Report.

2. Wie verändern nachhaltige Fasern die Branche?

Nachhaltigkeit war ein Hauptthema. Die Textilindustrie gehört zu den größten Umweltverschmutzern weltweit. Sie verursacht rund 10 % der globalen CO2-Emissionen und 20 % der industriellen Wasserverschmutzung (Quelle: UN-Umweltprogramm). Die Techtextil 2019 zeigte, dass sich etwas bewegt.

BASF — einer unserer Interviewpartner — präsentierte biobasierte Polyamide und recycelte Polyestergarne. Lenzing zeigte Tencel-Fasern aus nachhaltig bewirtschafteten Holzquellen. Mehrere Aussteller demonstrierten geschlossene Produktionskreisläufe, die Lösungsmittel, Farbstoffe und Wasser zurückgewinnen.

Der Wandel ist deutlich. Marken und Regulierer verlangen nachverfolgbare, umweltschonende Materialien. Für Designer, die an textilbasierten Produkten arbeiten, beginnt die Materialwahl jetzt bei der Lieferkette, nicht beim Musterbuch. Wir haben dieses Thema in unserem Artikel über nachhaltige Designprinzipien vertieft.

ZOOM-IN Techtextil 2019 Trendreport-Titelseite mit Smart-Textile-Innovation und industrieller WebtechnologieZOOM-IN Techtextil 2019 Trendreport-Doppelseite mit nachhaltigen Fasertrends und Industrie-4.0-Beispielen

3. Wie verändert Industrie 4.0 die Textilproduktion?

Digitale Werkzeuge verändern die Textilherstellung. Auf der Techtextil 2019 zeigten Aussteller automatisierte Websysteme, die Muster in Echtzeit anpassen. Digitale Zwillinge simulieren Stoffverhalten, bevor ein einziger Faden gesponnen wird. KI-basierte Qualitätskontrolle erkennt Fehler schneller als menschliche Prüfer — und reduziert Ausschuss in einigen Pilotprojekten um bis zu 30 % (Quelle: McKinsey, 2019).

Karl Mayer präsentierte voll vernetzte Wirkmaschinen. Sie teilen Leistungsdaten über Fabriken hinweg in Echtzeit. Stäubli zeigte Jacquard-Webstühle, die per Tablet gesteuert werden. Das Ziel: kleinere Auflagen, weniger Abfall, schnellere Durchlaufzeiten.

Für Industriedesigner ist das relevant. Digitale Produktion macht maßgeschneiderte Textilien im kleinen Maßstab möglich. Ein Medizinprodukt kann eine individuelle Textilkomponente haben. Ein Autoinnenraum lässt sich pro Bestellung personalisieren. Der alte Kompromiss zwischen Individualisierung und Kosten löst sich auf.

4. Warum sind Medizintextilien ein Wachstumsmarkt?

Medizintextilien gehörten zu den am schnellsten wachsenden Segmenten der Techtextil 2019. Der globale Markt wurde 2019 auf 18,2 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit Prognosen von 25,4 Milliarden bis 2027 (Quelle: Allied Market Research).

Aussteller zeigten implantierbare Netzgewebe für Hernienreparatur, antimikrobielle Wundauflagen und textilbasierte Biosensoren zur Überwachung von Vitalwerten. Tragbare Gesundheitstechnik treibt die Nachfrage. Stoffe, die Herzfrequenz, Hauttemperatur oder Muskelaktivität messen, bewegen sich vom Labor zum Produkt.

Bei Entwurfreich arbeiten wir in diesem Bereich. Unser Temp+ Health Care Wearable für Raiing Medical nutzt körpernahe Sensoren zur kontinuierlichen Temperaturüberwachung. Solche Projekte zeigen, wie Textilinnovation und Produktdesign an der Haut zusammentreffen.

5. Wie ersetzen Leichtbau-Composites Metall?

Faserverstärkte Verbundwerkstoffe gewinnen weiter an Boden in Automotive, Luftfahrt und Bau. Auf der Techtextil 2019 waren Carbon- und Glasfaser-Composites überall präsent. Sie sind leichter als Stahl, stärker als Aluminium und lassen sich in komplexe Formen bringen.

SGL Carbon zeigte vorgeformte Carbonfaser-Bauteile für Batteriegehäuse von Elektrofahrzeugen. Toray demonstrierte thermoplastische Composites, die recycelt werden können — ein wichtiger Schritt Richtung Kreislaufwirtschaft. Die Gewichtseinsparungen sind erheblich. Stahl durch Carbonfaser zu ersetzen kann das Bauteilgewicht um bis zu 70 % senken (Quelle: European Composites Industry Association).

Für Produktdesigner eröffnen Composites neue Formfaktoren. Dünnere Wände, größere Spannweiten, integrierte Strukturen. Die Herausforderung: Für Composite-Fertigung zu designen erfordert ein anderes Denken als für Spritzguss oder Blech.

Interviews: Einblicke von Branchenführern

Dr.-Ing. Richard Müller — ETTLIN

ETTLIN ist ein deutscher Textilhersteller, spezialisiert auf technische Gewebe für Architektur, Beleuchtung und Innenarchitektur. Dr. Müller sprach darüber, wie traditionelles Webwissen auf neue Anwendungen trifft. ETTLINs Gewebe erzeugen optische Effekte durch präzise angeordnete Garnstrukturen. Keine LEDs, keine Elektronik — reine Textiltechnik. Seine Überzeugung: Die Zukunft smarter Oberflächen braucht möglicherweise gar keinen Strom.

Vitaliy Vilinchuk — BASF

BASF ist das weltweit größte Chemieunternehmen. Vilinchuk präsentierte die Textilfaser-Sparte und den Vorstoß zu biobasierten und recycelten Rohstoffen. Sein Kernpunkt: Die Chemie hinter Fasern verändert sich schneller, als die Branche realisiert. Biobasierte Polyamide erreichen jetzt die Leistung erdölbasierter. Der Engpass ist nicht mehr die Technologie. Es ist die Skalierung.

Jan Jordan — ITA/RWTH Aachen

Das Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen ist eines der führenden Textilforschungszentren Europas. Jan Jordan sprach über die Schnittstelle von Smart Textiles und Produktdesign. Sein Team entwickelt Textilantennen, Sensorgarne und leitfähige Stoffe für Industrie und Medizin.

Entwurfreich arbeitet direkt mit dem ITA an unserem SurfTex Smart-Textile-Antennen-Projekt. Jordans Einschätzung: Der Abstand zwischen Textilforschung und marktfähigen Produkten schrumpft schnell. Was vor fünf Jahren noch Labor-Kuriosität war, geht jetzt in die Serienproduktion.

Report-Vorschau

Unser ZOOM-IN Trendreport fängt die visuelle Essenz der Techtextil 2019 ein. Er deckt die Haupthallen der Messe Frankfurt und die parallele Texprocess ab. Der vollständige Report enthält Trendanalysen mit über 60 Originalfotos, Produkt-Highlights von mehr als 20 Ausstellern und die kompletten Interviews mit ETTLIN, BASF und ITA/RWTH Aachen.

ZOOM-IN Techtextil 2019 Trendreport-Interviewseiten mit ETTLIN, BASF und ITA/RWTH AachenZOOM-IN Techtextil 2019 Trendreport-Doppelseite mit Leichtbau-Composites und Medizintextil-Innovationen

Warum das für Produktdesign relevant ist

Die Trends der Techtextil 2019 reichen in jede Produktkategorie. Smart Textiles machen passive Oberflächen zu aktiven Schnittstellen. Nachhaltige Fasern verändern Materialentscheidungen branchenübergreifend. Leichtbau-Composites ermöglichen neue Formfaktoren in Transport, Sport und Medizintechnik. Bei Entwurfreich sehen wir Textilien als Designmaterial, nicht nur als Fertigungsinput. Zu verstehen, wohin Textiltechnologie geht, hilft uns, bessere Produkte zu bauen.

Unsere ZOOM-IN Trendreports machen diese Beobachtungen zu klaren Erkenntnissen für Designer, Produktmanager und Entscheidungsträger. Jeder Report kombiniert Vor-Ort-Fotos, Experteninterviews und Trendanalysen in kompaktem Format. Ob Wearable, Fahrzeuginnenraum oder Baukomponente — die Makrotrends in der technischen Textilwelt können einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Wie sich diese Trends seit 2019 entwickelt haben

Anmerkung der Redaktion (2026): Die fünf Trends der Techtextil 2019 haben sich unterschiedlich schnell entwickelt.

Smart Textiles: Inzwischen Mainstream in Sportswear und Automotive. Beheizte Jacken, sensorbestückte Arbeitshandschuhe und gestenerkennende Autositze sind in Serienproduktion.

Nachhaltige Fasern: EU-Textilregulierungen (geplant 2025-2027) zwingen die Branche, recycelte und biobasierte Materialien im großen Maßstab einzusetzen. Was 2019 optional war, wird jetzt Pflicht.

Industrie 4.0: Digitale Zwillinge und automatisierte Qualitätskontrolle sind Standard in der Großproduktion. Kleine und mittlere Hersteller holen auf.

Medizintextilien: Die Pandemie hat die Nachfrage nach antimikrobiellen Stoffen und tragbaren Gesundheitsmonitoren beschleunigt. Der Markt ist deutlich über die Prognosen von 2019 hinausgewachsen.

Leichtbau-Composites: Elektrofahrzeuge haben ein massives Wachstum der Carbonfaser-Nachfrage ausgelöst. Recycling bleibt die zentrale Herausforderung.

Entwurfreich verfolgt diese Entwicklungen durch unsere ZOOM-IN Reports und durch Projektarbeit in Bereichen wie Smart Textiles, Medizinproduktdesign und Konsumgüter.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist die Techtextil?

Die Techtextil ist die weltweit führende Fachmesse für technische Textilien und Vliesstoffe. Sie wird von der Messe Frankfurt organisiert und findet alle zwei Jahre in Frankfurt am Main statt. Die Messe deckt das gesamte Spektrum technischer Textilanwendungen ab: von Smart Fabrics und Medizintextilien über Composites und Schutzkleidung bis hin zu Geotextilien. 2019 zog die Techtextil über 47.000 Besucher aus 116 Ländern an und zählte 1.818 Aussteller (Quelle: Messe Frankfurt). Sie findet parallel zur Texprocess statt, der führenden Messe für Textil- und Bekleidungsverarbeitung.

Was waren die wichtigsten Trends der Techtextil 2019?

Die fünf zentralen Trends waren: (1) Smart Textiles, die fühlen, heizen, leuchten und Signale leiten — ohne zusätzliche Hardware; (2) nachhaltige Fasern einschließlich biobasierter Polyamide und recyceltem Polyester, getrieben von Umweltregulierung und Markennachfrage; (3) Industrie 4.0 in der Textilproduktion mit digitalen Zwillingen, vernetzten Webstühlen und KI-basierter Qualitätskontrolle; (4) Medizintextilien als schnell wachsender Markt, darunter implantierbare Gewebe, antimikrobielle Auflagen und tragbare Biosensoren — der Markt lag 2019 bei 18,2 Milliarden US-Dollar; und (5) Leichtbau-Composites, die Metall in Automotive und Luftfahrt ersetzen, mit Carbonfaser-Bauteilen, die bis zu 70 % Gewichtsersparnis bieten.

Wer ist Entwurfreich?

Entwurfreich ist eine 2012 gegründete Industriedesign-Agentur in Düsseldorf. Das Team hat über 350 Projekte für mehr als 125 Kunden realisiert, darunter ABB, Vodafone, Henkel, Coca-Cola, Fujifilm und Covestro. Die Arbeit umfasst Produktdesign, UX/UI-Design, CMF-Design und Designstrategie in Branchen von Unterhaltungselektronik bis Medizintechnik. Die ZOOM-IN Trendreports erfassen Designtrends von Messen wie Techtextil, ISH, BAU, MWC und Salone del Mobile. Jüngste Auszeichnungen: iF Design Award Gold 2024, Red Dot Best of the Best 2024 und German Design Award Gold 2026. Mehr über unseren Designprozess erfahren.

Geschrieben von Matthias Menzel · 25. Juni 2019